Die Flut – das ersehnte Geschenk!

Mit der großen Not ist auch die Stunde der Heuchler gekommen.

 

N-TV, seit dem zweiten Weihnachtstag: Beben in Asien. Ein kleines Symbol in der Bildschirmecke signalisiert seither: Etwas dramatisches ist geschehen, doch die Geschichte ist noch nicht zuende. Eine „ongoing story“, wie der Partnersender CNN sagen würde.

Hunderttausende Tote, Verletzte und Obdachlose, Zerstörung und Not – das ist die eine Seite. Hilfsmaßnahmen, Rettung, internationale Solidarität. Das ist die andere Seite. Die UNO hat die Schirmherrschaft übernommen, Länder, Firmen und Einzelpersonen stehen mit Spenden und Personal zur Seite. Eine Katastrophe ist geschehen, doch die Welt steht zusammen.

Die Flut – ein Geschenk?

Rückblick. Es gibt ein kleines Dorf, irgendwo auf diesem Erdball, mit gut zweihundert Häusern. Vermutlich ist es weit abgelegen, denn Polizei und Gericht kennt man in dieser Gegend nicht. Es gibt nur Absprachen. Die Bewohner der Häuser senden immer wieder einen Vertreter zu einer Dorfversammlung. Auf vieles hat man sich dort nicht geeinigt, nur ein Grundsatz ist eisern: Im Haus des anderen hat niemand etwas verloren. Jeder ist sein eigener Herr und bestimmt die Hausordnung selbst. Natürlich gibt es Beschlüsse, wie diese aussehen sollte, doch mehr als eine Empfehlung ist es nicht. Die Realität im Dorf sieht anders aus:

Im einen Haus herrschen Zwistigkeiten, die Familienmitglieder schießen aufeinander, im anderen Haus ist der Hunger ausgebrochen, weil einige den anderen nichts abgeben. Im nächsten Block foltert der Hausherr seine Kinder, im übernächsten werden sie vergewaltigt. In zahlreichen Wohnungen herrscht Mord und Totschlag, sind Heizung, Strom und Wasser ausgefallen. Oft geht es den Frauen schlecht, und am meisten sind die Kinder betroffen – wie immer. Schon oft hat sich in einigen Häusern Empörung breit gemacht. Man müsse etwas tun, könne doch nicht einfach zuschauen. Doch selten hat man was getan. Niemand will gegen die Regeln verstoßen, und das eiserne Gesetz heißt nun einmal: Das Nachbarhaus ist tabu. Und so sitzen die Hausherren im Sommer auf ihren Terrassen und hören die Schreie der Gequälten – und hören zu.

Mit der Flut kommt das Geschenk!

Weihnachten. Ein Unwetter. Blitz und Donner, ein verheerender Waldbrand. Das Feuer lässt sich nicht aufhalten, es erreicht das Dorf, verschlingt ganze Häuser und Scheunen, Menschen und Vieh. Das Leid ist offenkundig, doch nun tut sich etwas. Wer immer im Sommer untätig im Schatten gesessen hat, er hilft mit Nahrung, Kleidung, Geld. Schon hat die Dorfversammlung beschlossen, die Hilfe zu koordinieren. Eine Katastrophe ist geschehen und nun helfen alle zusammen. Ein Geschenk des Himmels, ein weihnachtlicher Blitz. Endlich ein Ereignis, das alles andere in den Schatten stellt, das alles andere vergessen macht. Die Untätigkeit im Sommer, die Schreie aus den Nachbarhäusern, von Gefolterten und Geknechteten, von Hungernden und Leidenden. Gerade jetzt, nach dem großen Feuer, darf man ihre Rufe endlich überhören.

Die Flut, die peinliche Flut.

Ein Ort des Friedens muss unsere Welt gewesen sein, bevor die Sintflut über uns kam und mit ihr alle Solidarität. Firmen spenden Millionen, Vereine übernehmen Patenschaften, Gedenkminuten bei Sportveranstaltungen. Und Silvester? Auch Silvester hätte man am besten streichen sollen. Bleibt zu hoffen, dass die Hilfe bis Februar auf guten Beinen steht. Andernfalls, so weiß man es in Deutschland, sind die Faschingsfeiern in Gefahr. So wie bei den beiden Irakkriegen – als Amerika eine Rolle gespielt hat. Denn was das Morden und die Vergewaltigungen in Darfur angeht, so hat man Gedenkminuten nie erörtert. Ein Einschreiten ist allenfalls diskutiert worden. Ähnlich ergeht es den Kriegen im Herzen Afrikas, im Kongo, in Ruanda. Eine Million Tote im Jahr 1994 – das fünffache der Todesflut. Weitere Hunderttausende bis heute. Doch wo keine Kamera ist, keine Touristen flanieren, da gibt es kein Interesse. Mindestens eine Million Menschen sind in Nordkorea verstorben - verhungert, vor den Augen der Welt, während das Regime an Bomben bastelte. Keine Minute des Gedenkens, keine Luftschlange weniger, kein Handeln und kein Mitleid.

Wenn keine Flut das Leiden überspült, dann gibt es nur ein Geschenk, das alle gerne hochhalten: das eiserne Gesetz. Du sollst das Grundstück deines Nachbarn nicht betreten, heißt es da, und wenn auf ihm die Hölle tobt. Welch edles Geschenk!

STEFAN HÖGL