Es stinkt zum Himmel

Zeit, dass sich was dreht? Grönemeyer dreht durch.

 Ein Ohrwurm zieht durchs Land und die Bildzeitung zieht mit: "Mensch Herbert, was singst du denn da?" hat sich das Blatt gefragt. Das war vor einigen Wochen, lange bevor der neue Song seinen Feldzug durch die Radiostationen antrat, lange bevor Gröni (BILD) durchs Fernsehen zu tingeln begann. Nun ist er am Ziel, seine Botschaft ist angekommen: Ein Stück vom Himmel.

Gottschalk, Kerner, Beckmann. Das Dreierlei des unbekümmerten Geschmacks hat Grönemeyer schon zertifiziert, den Rest erledigt die Webebranche. Fast unheimlich wirkt der Medienzirkus, bedrückend die tägliche Zwangsbeschallung. Herbert kennt keine Gnade, es gibt kein Entkommen - doch worum geht es eigentlich? 

Ein Stück vom Himmel? Wer nicht gut zuhört, denkt wie üblich: Ein Song für Frieden, für unsere Umwelt, für die ganze Welt. Doch der Sänger hat weiter gedacht, als manche ahnen und: Seine Botschaft ist Programm.

Ein friedliches Miteinander der Religionen? Nur auf den ersten Blick, denn Grönemeyer sehnt ihre Abschaffung herbei. Sie seien "für Moral gemacht", rein funktional, Menschenwerk eben. Was sie verdienen, ist Denkmalschutz. Sinnfragen stellen sich nicht, Wahrheit gibt es nicht: "Da ist nicht eine hehre Lehre / Kein Gott hat klüger gedacht" simpelt Herbert. Bei ihm ist alles relativ.

Es stinkt zum Himmel - kein Platz für Gott. Allein die FAZ hat Grönemeyers "Diesseitsfeier" entlarvt und seine Ökoesoterik beim Namen genannt. Sein Lied vergöttert die Natur und vergisst ihre Opfer. Es huldigt dem Augenblick und verschreibt sich dem Zeitgeist. Ein musikalisches Denkmal für ein neuheidnisches Zeitalter.

Wenn jemand Wahrheit beanspruchen kann, dann nicht die Religion, sondern Herbert. Der Polit-Prophet hat längst ausgemacht, wer für das heutige Übel der Welt verantwortlich ist: "Legionen von Kreuzrittern / haben sich blindwütig verrannt" Eine Erinnerung an das Mittelalter? Mitnichten. Gemeint ist Amerika, brennen tut der Irak, und jetzt müssen wir löschen. Her mit dem Eimer! 

In Wirklichkeit brennen die Sicherungen. Nicht die des guten Geschmacks, aber die vielleicht auch. Grönemeyer ist durchgedreht, und niemand hat es bemerkt - weil sich alle mit ihm drehen und er sich mit allen. Gott und die Welt, Politik und Religion - alles vermischt sich zu einer Stimmung. Pazifistisches Gehabe - gutmenschliche Rhetorik - linke Sprüche. "Milliarden Farben, und jede ist ein eigenes Rot." 

Es stinkt zum Himmel. "Lied 1" enthält mehr als die Botschaft eines Sängers, es beschreibt einen Zustand: eine orientierungslose Gesellschaft. Wenigstens hier hat "unser Herbert" Recht mit dem Titel des Albums: 12. - Fünf vor zwölf, das war früher einmal. Jetzt ist der Wahnsinn ausgebrochen, es gibt kein Halten mehr. Was kann  da noch helfen? Ein Stuhl im Orbit. Schießt Grönemeyer endlich auf den Mond!  

STEFAN  HÖGL