Angst vor Kindern? Werdet Lehrer!

von Stefan Högl

Akademiker und Kinder? Angst haben sie vor ihnen, wie der Teufel vor dem Weihwasser.  Das ist nichts Neues – im Gegenteil: Schon Kinder sind sich selbst suspekt, wie wir aus unserer eigenen Grundschulzeit wissen: Welches Mädchen wollte damals schon neben einem Jungen sitzen? Und wir Buben quakten wenig schmeichelhaft: „...ihhhhh...neben die setze ich mich nicht!“ 

So oder so ähnlich geht es unseren Akademikern. Jahrelang, oft auch jahrzehntelang, kommunizieren sie allein mit ihresgleichen, mit Studenten und Professoren. Familienfeiern werden selten, Kinder rücken aus dem Blickfeld und der Kontakt mit der Jugend reißt ab. Schließlich finden sich die Akademiker dort wieder, wo sie es sich seit geraumer Zeit gemütlich machen: Im kinderfreien Elfenbeinturm.

Wer ihn für eine Zeit verlassen muss, dem wird mit einem Schlage klar, welch überaus bedrohliches Potenzial junge Menschen in sich tragen: Im Bus, wenn kleine Kinder schreien, im Laden, wenn sie an der Kasse quengeln, auf der Straße, wenn sie den Weg versperren. Kurzum: Kinder sind etwas furchtbar Lästiges. Zuerst muss man ihre Windeln wechselten, dann brauchen sie Aufsicht. Sie verlangen nach Spielzeug und wollen nichts lernen. Kinder kosten Kraft und Nerven, sie rauben Freizeit, vermiesen den Urlaub und - Akademiker, aufgepasst! - sie kosten Geld.

Eine Paranoia hat sich wie Blei auf die akademischen Zirkel gelegt. Es gibt kein Entrinnen, es bleibt nur die Flucht in den Turm. Doch halt! Eine Therapie ist in Aussicht, und hier spricht einer der Geheilten: Gegen Kinderphobien hilft nur eines: Lehrer werden!

Am Anfang plagen schwere Bedenken. Unterrichten macht Spaß – gut. Aber die Gretchenfrage lautet: Wie hältst du es mit Kindern? Lässt sich der Kurs an der Volkshochschule tatsächlich mit dem Schulalltag vergleichen, und das Referat an der Uni mit der Situation im Klassenzimmer? Man wird es mit Kindern zu tun haben, mit jenen unbekannten Wesen, und das ganze Schulhaus wird voll von ihnen sein! Man muss sich mehr als einen Ruck geben um den Sprung ins kalte Wasser zu wagen.

Die Wasser sind tief. Mit den ersten Semestern kommen die Praktika. Besuch im Klassenzimmer, Gang durch die Pausenhalle. Ein Menschenauflauf ungeahnten Ausmaßes. Jetzt scheint sich der Zweifel zu bestätigen: Die Welt der Kinder ist eine ganz andere. Und schon geht die Suche nach einem Ausweg los, den man ohne Gesichtsverlust beschreiten kann. An einer FOS wird man einst unterrichten, denn da sind die Schüler schon erwachsen, halbe Studenten. Oder nur die älteren Klassen. Vielleicht findet sich gar bei einem Schulbuchverlag eine freie Stelle? Alles Zukunftsträume. Zuerst beginnt die Ausbildung: das berüchtigte Referendariat.

Der erste Tag - ein seltsames Gefühl! Man betritt eine Schule, die für viele Monate zur zweiten Heimat werden wird. Ein kurzer Rundgang. Lehrerzimmer, Pausenhof, Klassenzimmer. Nichts ist so fremd wie eine Schule von innen. Mit einer Universität nicht zu vergleichen. Schon wieder wagt man einen Blick in die Stellenbörse. Doch die Rettung naht, das Rezept ist schon ausgestellt: Die erste eigene Klasse!

Die geeignetste Darreichungsform ist wohl eine siebte Klasse. Jüngere Schüler könnten auf Anhieb irritieren, ältere den jungen Lehrer gar verschrecken. Gut dosiert, bleibt die Wirkung nicht lange aus. Man mag sich zu Beginn noch fühlen wie ein Gärtner, der seinen Park zum ersten Mal betritt, doch schon recht bald bemerkt man, wie die jungen Pflänzchen wachsen und blühen. Intuitiv beginnt man mit ihnen zu sprechen und entdeckt ganz plötzlich, welche Sympathien gerade in jungen Menschen stecken. Von wegen fremdes Wesen. Auf einmal wird klar, dass man jetzt auch auf die eigene Vergangenheit trifft.

Die erste Begegnung mit jungen Menschen prägt, und so wird auch die Erinnerung an die ersten Klassen lange bleiben. Doch die Sympathie zieht weitere Kreise, sie beschränkt sich bald nicht mehr auf einzelne Schüler und Jahrgänge. Auf einmal wird der fröhliche Umgang mit Kindern und Jugendlichen zur natürlichsten Sache der Welt. Die Skepsis des Elfenbeinturms ist gewichen. Endlich kann man ein befreites Lächeln wagen, wenn man Kindern begegnet!